MECKLENBURG-VORPOMMERN

 

Familienfreundlichkeit als Marke

04. Januar 2012 | 11:59 Uhr | Von: Angela Hoffmann

Profitiert von den individuellen Arbeitszeit-Modellen: Julia Janning mit Geschäftsführer Steffen Himstedt.Reinhard Klawitter

Vier Kinder und ein anspruchsvoller Beruf - wie bekommt man das unter einen Hut? Relativ unproblematisch, lautet die Antwort im Fall von Julia Janning. Die 40-jährige Mutter von neunjährigen Zwillingsjungen und zwei Mädchen im Alter von elf und 13 Jahren arbeitet beim Schweriner IT-Unternehmen Trebing & Himstedt in den Bereichen Unternehmensentwicklung und Controlling. Eine verantwortungsvolle Aufgabe, die sie in Teilzeit bewältigt. "Vollzeit und vier Kinder - das ist nicht realistisch", sagt sie.

Das sieht auch ihr Arbeitgeber so. Julia Janning kann sich ihre 30-Stunden-Woche weitgehend frei einteilen. Und sie kann einen Teil der Arbeit von Zuhause erledigen. "Da kommt es mir entgegen, dass ich in der IT-Branche tätig bin", sagt sie. Zwei- bis dreimal pro Woche habe sie die Möglichkeit, im "Home-Office" zu arbeiten. "Dadurch kann ich mir den Anfahrtsweg sparen und muss selbst dann nicht ausfallen, wenn die Kinder mal krank sind", schildert sie die Vorteile für beide Seiten.

"Die Maßnahmen kosten

keinen einzigen Cent"


Für diese Flexibilität nimmt sie in Kauf, dass sie an den Bürotagen eine Stunde Fahrtzeit pro Weg von Groß Grenz bei Rostock nach Schwerin einrechnen muss. "Ich kann hier beruflich das machen, was ich immer machen wollte", sagt Julia Janning. Die individuellen Arbeitszeiten seien die ideale Möglichkeit, Familie und Job gut miteinander vereinbaren zu können. "Familienfreundlichkeit ist hier nicht nur eine Werbemaßnahme, sondern wird tatsächlich gelebt", berichtet die Mitarbeiterin. Zu wissen, dass sie bei Bedarf auch mal eher losfahren und die Arbeit dann einfach am Abend nachholen könne, beruhige sie sehr.

Tatsächlich sind familienfreundliche Arbeitszeiten für Steffen Himstedt eine Selbstverständlichkeit. Der Geschäftsführer der IT-Firma mit 40 Angestellten lebt seit Jahren in seinem Unternehmen das vor, wofür er sich seit Oktober 2010 auch als Familienbotschafter von Mecklenburg-Vorpommern einsetzt. Ursprünglich hatte die Firma flexible Arbeitszeitmodelle eingeführt, um den Frauenanteil im Betrieb zu erhöhen. Inzwischen profitieren aber auch immer mehr Väter davon, dass Elternzeit gern gesehen wird und dass die Zahl der Arbeitsstunden auch kurzfristig reduziert oder wieder erhöht werden kann, wie Himstedt erzählt. "Individuelle Teilzeit-Modelle oder Home-Office sind Maßnahmen, die keinen einzigen Cent kosten", sagt der Unternehmer. Zwar seien die verschiedenen Angebote eine logistische Herausforderung, aber es lohne sich auch für den Betrieb. "Der Arbeitseinsatz der Mitarbeiter ist hoch", berichtet der Geschäftsführer.

In den vergangenen Jahren habe sich der Faktor Familienfreundlichkeit außerdem zu einem wichtigen Standortvorteil im Kampf um die immer rarer werdenden Fachkräfte entwickelt. Vielen Unternehmen sei dies inzwischen auch bewusst, so Himstedts Erfahrung aus dem ersten Jahr als Familienbotschafter. "In der regionalen Wirtschaft gibt es mehr positive Einstellungen zu dem Thema als man vielleicht denkt", sagt der 45-Jährige.

Wirtschaft ringt

um Fachkräfte


Bislang hat er sich als Botschafter vor allem darum gekümmert, als Netzwerker zu fungieren und seine Erfahrungen an andere Firmen innerhalb des Landes weiterzugeben. Für das neue Jahr will er jedoch einen anderen Schwerpunkt setzen. "Bei vielen Wirtschaftsrankings liegt Mecklenburg-Vorpommern eher hinten. Aber bei den Betreuungsmöglichkeiten für Kinder ist das Land weit vorn. Das muss noch bekannter werden", meint Himstedt. Für 2012 hat er sich deshalb vorgenommen, bundesweit stärker auf diesen Standortvorteil hinzuweisen. "Familienfreundlichkeit muss eine Marke werden", so das Ziel des Familienbotschafters.

Dass die Wirtschaft in MV in die Offensive gehen muss, weiß er nicht zuletzt aus eigener Erfahrung. In diesem Jahr sei es bereits schwierig gewesen, ausreichend Fachkräfte für neue Stellen zu finden. In diesem Jahr will das Unternehmen zehn weitere Arbeitsplätze für Software-Entwickler und Projekt-Leiter schaffen.


 

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